Um 5:45 Uhr war der Abholtermin am Hotel angesetzt. So richtig erholsam war die Nacht davor nicht. Mal davon abgesehen, dass wir bereits am Samstag durch New York gewandert sind, sorgte die Aufregung für etwas Unruhe. Die Gefahr dass wir verschlafen war ob der Tatsache, dass auch noch Zeitumstellung war, auch nicht geringer geworden. Und die Abfahrttermine waren fix, weil die Zufahrt über die Verrazano-Narrows Bridge später gesperrt wird (ab 07.00 Uhr).

Ein Blick nach draußen, lies uns hoffen, keine Wolke am Himmel. Der Wetterkanal zeigt aktuell 36 Grad Fahrenheit für NY, so zwischen 2 und 3 Grad Celsius.

Am Vorabend haben wir natürlich alle Laufsachen, die Klamotten für den Kleiderbeutel wie auch für die Zeit vor dem Start hergerichtet. Nichts durfte fehlen. Den Trinkgurt, die Kamera sowie 5 Dollar für den Notfall.

Für Verpflegung vor dem Start und während dem Lauf (vor allem zum Trinken) sollte reichlich gesorgt sein (stimmte).

Relativ pünktlich ging es los. Manhattan schläft nie – aber so früh am Morgen geht auch der Puls dieser Metropole auf Sparflamme. Die Sonne geht auf – die Luft klar, ein eisiger Wind fegt durch die Straßen.

Je weiter wir Richtung Staten Island kamen, desto mehr Busse drängelten sich. Jeder wollte rüber. Es geht auf die große Verrazano-Narrows Bridge, da laufen wir dann später wieder zurück. Im Prinzip waren wir froh, dass der Busfahrer kein echter Drängler war, so saßen wir noch etwas länger im warmen Bus.

Organisatorisch ist der Lauf der reine Wahnsinn, besser geht nicht. Über 45.000 Läufer waren am Start. Um diese Massen zu bewältigen werden diese in 3 Waves eingeteilt. Diese werden zusätzlich in drei Bereiche getrennt, erkennbar an der Farbe der Startnummer Blue-Orange-Green. Die Farbe entscheidet, aus welcher Position man auf die Verrazano-Narrows Bridge zuläuft und bestimmt sogleich auch das Village in welchem man sich vor dem Start aufhält. Da gab es kalte Getränke, Kaffee, heißes Wasser (für Tee), Bagels, Powerbar, Zelte, Dixis und die UPS-Trucks für die Kleiderbeutel.

Die erste Wave startete um 9:40 (Hier konnte bereits Jens starten), die zweite um 10:10, die dritte um 10:40 (unsere Startzeit).

Genau vorgegeben sind die Zeiten, bis wann man seinen Kleiderbeutel spätestens abgeben darf. Wann die Corrals (eigentliche Startzone) für die Läufer geöffnet und geschlossen werden und wann dann der Start erfolgt.

Nikola und ich waren in Wave 3 mit grüner Nummer. Startnummer: meine 59-303, Nikolas 62-330, ich habe mich zu Nikola gesellt, also dem Corral 62, sollte ja ein gemeinsames Erlebnis werden.

Unsere Kleiderbeutel mussten bis spätestens 9:20 abgegeben werden (da hat man eigentlich das drin, was man dann tatsächlich im Ziel braucht). Um 9:50 wurde unser Corral geöffnet, um 10:20 geschlossen. Start um 10:40. Wir standen also noch über eine Stunde in der Kälte, bibberten und warteten. Unsere warmen Klamotten behielten wir bis zum Betreten des Corralls an um nicht zu sehr auszukühlen Dies als persönlichen Beitrag für die Bedürftigen der Region.

Die recht straffe Organisation ist wohl das einzige Mittel, um so viele Menschen zu steuern. Lautsprecherdurchsagen in vielen Sprachen, Aufrufe auf den großen Monitoren, Helfer zum Teil mit Megafon informieren einen laufend über die aktuelle Timeline.

In der Zwischenzeit versucht man die Zeit tot zu schlagen, die Nervosität zu bekämpfen. Die meisten sitzen auf dem blanken Boden, die Wiese ist teilweise mit Stroh bedeckt. Viele haben sich Pappe aus dem Großstadtmüll, der jede Nacht in Manhattan rumliegt, als Sitzunterlage mitgenommen. Wir hatten wohlweislich unsere Folien der diversen Läufe und die Decken aus dem Flieger mitgenommen. Andere haben Schlafsack und Isomatte ausgerollt. Alle Nationalitäten liegen hier rum. Schlafen, ratschen und trotzen bibbernd der Kälte. Einfach grandios ist die Menge an Dixis. Das bekannte Warten wie hier in Deutschland ist nicht. Immer ist was frei. Man muss halt evtl. etwas an den langen Reihen entlanglaufen.

Irgendwann war auch die Wartezeit im Corrall vorbei und der Startschuss ertönte. Ein erhebendes Gefühl die Massen vor einem starten zu sehen und zu wissen gleich geht’s auch für einen selber los. Die Bäume und Busse im Startbereich hielten den Wind noch etwas ab, aber kaum waren wir am Brückenanstieg, pfiff der Wind einem ins Gesicht. Heftig.

Die Brücke ist schon die erste Herausforderung. Du bist noch kalt, voll Euphorie, willst los rennen. Alle Tipps sagen, lass es ruhig angehen. Der gesamte Streckenverlauf ist nicht flach, es werden mehr als 400 Höhenmeter angegeben. Vor allem die Anstiege der insgesamt 5 Brücken sind nicht zu verachten, und danach geht es ja wieder runter, auch das zieht in die Knochen. Die Straßen sind zwar größtenteils sehr breit, im Prinzip Platz rechts und links. Aber die Masse an Menschen füllt das aus. Dann sind die Straßen auch nicht so eben wie Hauptstraßen bei uns in Deutschland. Schlaglöcher, vertiefte Kanaldeckel, hochstehende Metallplatten und sonstige Fallen auf der Fahrbahn. Man sollte permanent auch auf den Boden achten.

Die erste knappe Mile geht es die Brücke hoch. Noch schnell an den Rand und ein paar Bilder geschossen. Dann geht es eine weitere knappe Mile runter. Unter anderen Straßen durch, da sind die anderen Läufergruppen (orange und blau) auf jeweils eigenen Straßenzügen unterwegs. Gleich geht es wieder die Auffahrt hoch und gerade aus Richtung norden. Kurz vor Meile 3 die erste Verpflegungsstation. Je ein Becher Gatorade (eine süsse Pampe) und Wasser gegriffen. Weiter scharf links. Da vorn sieht man die beiden anderen Läufergruppen von links kommend. Mann ist das ein Bild. Jetzt treffen alle 3 Farben der Wave aufeinander. Gänsehautfeeling. Die nächsten ca. 1,5 Meilen sind blau und orange links, grün rechts, durch eine Absperrung getrennt.

Wechseln führt zu Disqualifikation. Denn erst bei Mile 5 haben alle die gleiche Laufstrecke und dann ist alles frei. Über die vielen Zeitnehmermatten und Videokontrollen wird das erfasst.

Die Wasserstellen sind üppig. Nach jeder Meile gibt es beidseitig Möglichkeiten. Angeboten wird immer Gatorade und Wasser. Bei Meile 18 gibt es Powergel (wer’s mag und verträgt) und danach habe ich an 2 Stellen noch Bananen gesehen. Gerade für die langsameren Läufer wären die Bananenstellen sicher schon bei Mile 13 oder 14 sinnvoll (in etwa HM-Bereich). Aber die vielen Zuschauer am Rand reichen überall zusätzlich Getränke oder Verpflegung rein.

Aber nun wird es härter. Die Poland Bridge führt uns raus aus Brooklyn, rein nach Queens. Es sind nur ein paar Höhenmeter, aber auch das bringt Abwechslung für die Beine. Und ein traumhafter Blick links auf die Skyline von Manhattan. An den linken Rand gekämpft und ein paar Fotos geschossen. Durch Queens ist die Straße weniger breit, uneben und immer scharfe Richtungswechsel.Jetzt kommt sie, die Queensboro Bridge. Jeder warnt einen davor, das ist eine Schlüsselstelle. Knackiger, steiler Anstieg. Eng, nur 2 Fahrspuren. Über uns die rostigen Metallträger als Dach. Das schnaufen der Läufer und patschen der Schuhe auf den Asphalt hallt wider. Keine Zuschauer hier – wir sind mit unseren Gedanken allein. Am Scheitelpunkt der Brücke das KM 25 Schild. Hier irgendwo muss auch Haile Gebrselassie aufgegeben haben. Brücke rauf, stehen bleiben, Foto knipsen, Brücke runter). Am Ende der Brücke geht es 3-mal scharf links, unter der Brücke durch.

Nun sind wir auf der First Avenue in Manhattan. Schnurgerade nach Norden, aber sehr schlechtes und welliges Terrain. Nach einigen hundert Meter wird das Straßengewirr größer, diverse Kehren und Auf- bzw. Abfahrtsrampen. Die relativ unscheinbare Willis Ave Bridge kommt.

Wir sind in der Bronx. Das Rabaukenviertel bei Einsatz in Manhattan.Die vielen Richtungswechsel hier waren nicht angenehm. Und schon kommt die nächste Brücke. Madison Ave Bridge. Das Straßengewirr und die vielen Verkehrsschilder verwirrten.

Scharf links ab auf die Fifth Ave. Jetzt geht’s auf breiter Straße nach Süden zum Central Park. Kurz danach geht es um den Marcus Garvey Memorial Park rum, 4 mal Richtungswechsel. Jetzt, in der Abenddämmerung schon parallel zum Central Park. Beim Speichersee geht es dann rechts rein direkt in den Park. Es wird nochmals wellig und geht mehrfach knackig rauf.

Nach einigen hundert Meter gehts raus aus dem Park auf die Central Park South (59th. Strasse). Rechts rum zum Columbus Circle. Links an den sündhaft teuren Hotels vorbei.

Die letzten Meter gehen auch nochmal rauf und runter.

Dann aber Finish. Mütze runter, Arme hoch, ein fettes breites Grinsen im Gesicht.

Und dass alles mit der Partnerin des Lebens. Man kann es mir gut gehen.

Fazit:

Beste Veranstaltung ever. Wer am langen Laufen Interesse hat, der muss New York laufen. Die Zuschauer. Das haut dich echt um. Diese Menschenmassen an der Strecke. Das Geschrei, die Anfeuerungsrufe. Stimmung ohne Ende. Ein riesen großes Happening. Alle jubeln einem zu. Viele Gruppen die mit Fahnen da stehen und ihren Landsleuten zurufen. Viele Läufer haben ihre Nationalfarben am Trikot. An meinem Trikot sind ja auch die Deutschlandfarben dran. Die Menschen reichen Essen und Getränke, andere reichen Papiertücher. Die Zuschauer drücken in die Straße. Bands spielen, Trommler geben den Rhythmus vor. Es gab nur eine einzige Ecke, wo die Menschen auf der Straße standen aber eher stumm zuschauten. Ob deren Glaube Stimmung und Begeisterung verbietet?

Was soll es, ganz NY ist ein einziges Laufhappening. Das motiviert dich dann immer wieder neu, wenn grad ein Durchhänger sich breitmachen will. Viele der Amerikaner müssen am nächsten Tag komplett heiser sein, so haben die geschrien.

Einfach Irre. Und auch später, nach dem Ziel beim heimgehen oder auch am nächsten Tag in NY wird man von wildfremden Menschen angesprochen, ob man gelaufen sei und einem wird gratuliert. Gänsehautfeeling pur. „You did a great Job“.

Nach dem Ziel bekommt man die Folie über, andere reichen einem die Medaille, als nächstes kommt der Fotobereich, jeder wird fotografiert. Der Verpflegungsbeutel wird gereicht. Permanent wird die Menschenmenge in Bewegung gehalten. Es ist kalt, mich schüttelt es, gut dass ich die Fleecemütze vom Start noch dabei habe. Dann kommen die Trucks mit den Kleiderbeuteln. Die Trucks stehen hintereinander, mit der höchsten Startnummer beginnend, zum Glück, für uns kurze Wege. Jens musste bis zur 86. Anziehen, so schnell es geht und dann bei der 76. Straße aus dem Central Park raus. Sch…. wir müssen noch bis zur 45. Straße runter. Je Straße kann man bei strammem Gehtempo 1 Minute rechnen. Aber jetzt geht nix mehr stramm. Also runter zur U-Bahn. Zum Glück ein netter Officer, der die Läufer/innen durchwinkt. Etwas Wärme, auch wenn es komisch riecht. Erstunken ist noch keiner, erfroren schon viele.

Endlich im Hotel, alles erledigt, Dusche, Essen gehen, schlafen. Kaputt aber glücklich.